Aus nova giulianiad 5/85 mit freundlicher Genehmigung von Jörg Sommermeyer
Diese Aufzeichnungen wollen nicht den Ansprüchen einer wissenschaftlichen Arbeit genügen. Sie sind vielmehr aus dem Bedürfnis heraus entstanden, einige grundlegende Elemente hinsichtlich der Interpretation von Lautenwerken Johann Sebastian Bachs für den Gebrauch in meinem eigenen Unterricht festzulegen. Es ist mir bewußt, daß ich mich auf ziemlich gefährlichem Boden bewege, da ja gerade für Bach der Spruch “Tot capita tot sententia” besonders bedeutungsvoll ist. So kommt es Tag für Tag vor, daß sich der Musiker X und ebenso der Lehrer Y über die Interpretation eines Z entsetzen; schlicht und unerbittlich urteilen sie: “Das ist keine Art, Bach zu spielen!” Ich meinerseits habe versucht, mir durch ein sorgfältiges Studium der Lautensuiten und auch größerer Werke, z.B. der Matthäus-Passion und der h-moll Messe, so gut wie möglich Klarheit zu verschaffen. Gleichzeitig habe ich die wichtigsten didaktischen Abhandlungen des Barock, die Traktate von Carl Philipp Emanuel Bach, Leopold Mozart Johann Joachim Quantz und von Daniel Gottlob Türk berücksichtigt. Aus meiner Beschäftigung mit dem Problem der Interpretation Bachscher Musik habe ich zwei Schlußfolgerungen gezogen:
- Ich werde in Wirklichkeit niemals wissen, wie die Musik Johann Sebastian Bachs tatsächlich zu spielen ist! Aber wenigstens weiß ich jetzt mit Sicherheit, wie man sie nicht spielen sollte. (Bin ich nicht vielleicht selbst ein apodiktisch denkender Lehrer?)
- Da ich dem Musiker X und dem Lehrer Y nicht nachstehen möchte, werde ich mich bemühen, die Ergebnisse meines Studiums jedem beliebigen Z, der davon Gebrauch machen möchte, weiterzugeben. Ich werde ihn natürlich davon unterrichten, daß ich ihn damit in die Gefahr bringe, von jedem anderen Musiker X oder Lehrer Y, der ihn vielleicht zu hören bekommt, vernichtend kritisiert zu werden.
Meine Betrachtungen wollen gleichzeitig ein Ausdruck der Auflehnung sein gegen alle diejenigen, die verkünden die Artikulation sei bei Bach nicht nötig, da sich seine Musik auch ohne Zutun entfaltet: “da braucht man doch gar nix tun”, wird immer wieder behauptet.
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